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Die Schweizer Justiz – Kriminalstatistik, Geschlechterunterschiede und Bevölkerungsgruppen (Teil 3/4)

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Kriminalstatistiken gehören jedes Jahr zu den meistdiskutierten Veröffentlichungen in der Schweiz. Schlagzeilen über steigende oder sinkende Straftaten sorgen regelmässig für öffentliche Debatten. Dabei werden Zahlen häufig verkürzt dargestellt oder falsch interpretiert. Eine seriöse Betrachtung erfordert jedoch, die statistischen Grundlagen und ihre Grenzen zu kennen.

Die vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist eine wichtige Informationsquelle. Sie zeigt, welche Straftaten der Polizei bekannt geworden sind, welche Deliktsarten besonders häufig vorkommen und welche Merkmale die beschuldigten Personen aufweisen. Gleichzeitig ist zu beachten, dass diese Statistik registrierte Straftaten und beschuldigte Personen erfasst. Sie ist keine Statistik über rechtskräftig verurteilte Täter.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik

Jedes Jahr erfassen die Schweizer Polizeibehörden mehrere Hunderttausend Straftaten.

Den grössten Anteil bilden seit vielen Jahren:

  • Vermögensdelikte
  • Diebstähle
  • Sachbeschädigungen
  • Betrugsdelikte
  • Cyberkriminalität

Demgegenüber treten Tötungsdelikte und schwere Gewaltverbrechen deutlich seltener auf, obwohl sie in den Medien häufig besonders präsent sind.

Die Kriminalstatistik dient unter anderem dazu,

  • Entwicklungen frühzeitig zu erkennen,
  • Präventionsmassnahmen zu planen,
  • politische Entscheidungen zu unterstützen,
  • Ressourcen der Polizei gezielt einzusetzen.

Registriert bedeutet nicht verurteilt

Ein häufiger Irrtum besteht darin, registrierte Straftaten mit rechtskräftigen Verurteilungen gleichzusetzen.

Tatsächlich verläuft ein Strafverfahren in mehreren Schritten:

  1. Anzeige oder Feststellung einer Straftat
  2. Polizeiliche Ermittlungen
  3. Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft
  4. Gerichtsverfahren
  5. Urteil

Nicht jedes Verfahren endet mit einer Verurteilung.

Ein Verfahren kann beispielsweise eingestellt werden, wenn

  • keine ausreichenden Beweise vorliegen,
  • kein Straftatbestand erfüllt ist,
  • die beschuldigte Person nicht ermittelt werden kann,
  • ein Rechtfertigungsgrund besteht.

Deshalb unterscheiden sich Polizeistatistik und Strafurteilsstatistik teilweise deutlich.

Männer sind deutlich häufiger beschuldigt als Frauen

Seit vielen Jahren zeigen die Statistiken ein klares Bild:

Männer werden wesentlich häufiger als Beschuldigte registriert als Frauen.

Je nach Deliktsart liegt der Männeranteil häufig zwischen 70 und über 90 Prozent.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Unterschied bei:

  • Gewaltstraftaten
  • Raub
  • Körperverletzung
  • Einbruchdiebstahl
  • Betäubungsmitteldelikten
  • Verkehrsdelikten

Frauen sind zwar ebenfalls in allen Deliktsbereichen vertreten, jedoch insgesamt deutlich seltener.

Warum gibt es diese Unterschiede?

Kriminologen diskutieren seit Jahrzehnten verschiedene Erklärungsansätze.

Hierzu zählen unter anderem:

  • Altersstruktur
  • höhere Risikobereitschaft junger Männer
  • soziale Rollenbilder
  • unterschiedliche Freizeit- und Arbeitsbereiche
  • biologisch und sozial beeinflusstes Aggressionsverhalten

Eine einzelne Ursache gibt es nach heutigem Forschungsstand nicht.

Alter spielt eine wichtige Rolle

Nicht nur das Geschlecht beeinflusst die Kriminalitätsbelastung.

Auch das Alter ist ein bedeutender Faktor.

Die höchste Kriminalitätsbelastung findet sich international seit Jahrzehnten überwiegend bei jungen Erwachsenen.

Mit zunehmendem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, wegen einer Straftat registriert zu werden, deutlich.

Dies gilt sowohl für Schweizer als auch für ausländische Staatsangehörige.

Deshalb wäre ein Vergleich zweier Bevölkerungsgruppen ohne Berücksichtigung ihrer Altersstruktur wissenschaftlich wenig aussagekräftig.

Schweizer und ausländische Staatsangehörige

Ein besonders kontrovers diskutiertes Thema betrifft die Staatsangehörigkeit beschuldigter Personen.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik unterscheidet grundsätzlich zwischen:

  • Schweizer Staatsangehörigen
  • ausländischen Staatsangehörigen mit Wohnsitz in der Schweiz
  • ausländischen Staatsangehörigen ohne Wohnsitz in der Schweiz

Gerade die dritte Gruppe beeinflusst viele Statistiken erheblich.

Hierzu gehören beispielsweise:

  • Touristen
  • Durchreisende
  • Personen aus dem Grenzverkehr
  • Personen mit kurzfristigem Aufenthalt

Wer lediglich die Gesamtzahl ausländischer Beschuldigter betrachtet, ohne diese Gruppen voneinander zu trennen, kann daher zu falschen Schlussfolgerungen gelangen.

Warum Herkunft allein wenig erklärt

In öffentlichen Diskussionen wird häufig gefragt, ob bestimmte Nationalitäten häufiger Straftaten begehen als andere.

Eine seriöse Antwort ist komplex.

Die Nationalität allein erklärt kriminelles Verhalten nicht.

Kriminologische Studien weisen darauf hin, dass zahlreiche weitere Faktoren berücksichtigt werden müssen, darunter:

  • Alter
  • Geschlecht
  • Bildungsniveau
  • Beschäftigung
  • Einkommen
  • soziale Integration
  • Aufenthaltsstatus
  • Wohnsituation

Wer diese Einflüsse ignoriert, riskiert statistische Fehlinterpretationen.

Der Vergleich mit Menschen türkischer Herkunft

Immer wieder wird nach einem Vergleich zwischen Schweizer Bürgern und Menschen mit türkischem Hintergrund gefragt.

Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.

Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht keine umfassenden Auswertungen über „Menschen türkischer Herkunft“ als eigenständige Bevölkerungsgruppe.

Verfügbar sind hauptsächlich Angaben nach:

  • Staatsangehörigkeit,
  • Aufenthaltsstatus,
  • Wohnsitz.

Viele Menschen mit türkischen Wurzeln besitzen heute die Schweizer Staatsbürgerschaft. Andere haben eine türkische Staatsangehörigkeit, wiederum andere verfügen über eine doppelte Staatsbürgerschaft. Allein anhand der Herkunft lässt sich daher keine belastbare Kriminalitätsstatistik erstellen.

Deshalb wäre ein Vergleich zwischen „Schweizern“ und „Türken“ wissenschaftlich ungenau und könnte zu irreführenden Aussagen führen.

Die Bedeutung der Bevölkerungsstruktur

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das Problem:

Nehmen wir an,

Gruppe A umfasst 5 Millionen Personen.

Gruppe B umfasst 100’000 Personen.

Bereits aufgrund der unterschiedlichen Bevölkerungsgrösse wäre ein Vergleich der absoluten Straftaten wenig sinnvoll.

Hinzu kommt:

Wenn eine Bevölkerungsgruppe durchschnittlich deutlich jünger ist als eine andere, wird dies die Kriminalitätsbelastung statistisch beeinflussen.

Deshalb arbeiten Wissenschaftler meist mit sogenannten Häufigkeitszahlen pro 100’000 Einwohner und berücksichtigen weitere Einflussfaktoren.

Die Rolle sozialer Faktoren

Kriminologische Forschung zeigt, dass soziale Rahmenbedingungen einen erheblichen Einfluss auf Kriminalität haben können.

Dazu zählen beispielsweise:

  • Arbeitslosigkeit
  • Armut
  • fehlende Ausbildung
  • Perspektivlosigkeit
  • problematische Familienverhältnisse
  • Suchtprobleme
  • psychische Erkrankungen

Diese Faktoren können unabhängig von Nationalität oder Herkunft das Risiko erhöhen, straffällig zu werden.

Mehr Cyberkriminalität, weniger klassische Einbrüche

Die Digitalisierung verändert auch die Kriminalität.

Während klassische Wohnungseinbrüche in manchen Jahren zurückgehen, steigen Delikte im Internet kontinuierlich an.

Hierzu gehören unter anderem:

  • Phishing
  • Identitätsdiebstahl
  • Online-Betrug
  • Erpressung mittels Schadsoftware
  • Kreditkartenmissbrauch
  • Datenhandel

Dadurch müssen Polizei und Justiz zunehmend Spezialisten im Bereich Informatik beschäftigen.

Warum Medien oft ein verzerrtes Bild vermitteln

Viele Menschen schätzen die Kriminalitätslage anhand der Medienberichterstattung ein.

Schwere Gewaltverbrechen erhalten naturgemäss grosse Aufmerksamkeit.

Alltagsdelikte wie kleinere Betrugsfälle oder Urkundenfälschungen werden dagegen oft kaum wahrgenommen.

Dadurch entsteht leicht der Eindruck, schwere Gewalt sei wesentlich häufiger, als sie tatsächlich ist.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik hilft dabei, dieses subjektive Empfinden mit objektiven Daten zu vergleichen.

Fazit

Kriminalstatistiken sind ein wichtiges Instrument, um Entwicklungen im Bereich der öffentlichen Sicherheit zu erkennen. Gleichzeitig müssen sie mit Sorgfalt interpretiert werden. Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen lassen sich nicht allein durch Geschlecht oder Staatsangehörigkeit erklären. Alter, soziale Situation, Aufenthaltsstatus und weitere Faktoren spielen eine wesentliche Rolle.

Wer Kriminalitätszahlen verantwortungsvoll einordnet, trägt zu einer sachlichen Diskussion bei und vermeidet pauschale Schlussfolgerungen über ganze Bevölkerungsgruppen.


Im vierten und letzten Teil geht es um die Zukunft der Schweizer Justiz: Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Cyberkriminalität, internationale Zusammenarbeit sowie Reformen, die den Rechtsstaat auch in den kommenden Jahren leistungsfähig und gerecht halten sollen.

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